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Hanseatische Lebensart: Im Gespräch mit Josef Dieter Kühler, Leiter der Gemeinschaft Corpus Culinario von Deborah Knür |
| Josef Dieter Kühler ist ein Mann der klaren Worte "Geiz macht krank" ist derzeit sein Lieblingsslogan, der wie die Warnungen bei den Zigaretten am besten auf allen einschlägigen Fast-food-Verpackungen prangen sollte. Die Folgen seien hinlänglich bekannt: "Wer teures Öl nur in sein Auto, minderwertiges aber über seinen Salat kippt, der muß sich doch nicht wundern", sagt der 60jährige, der Deutschlands oberster Hüter der Eß- und Genuß-Kultur ist. Kühler ist geschäftsführender Gesellschafter von Corpus Culinario, der Gemeinschaft führender Delikatessen-Kaufleute, die ihren Sitz in Hamburg hat. 69 Mitglieder, davon einer in Österreich und einer in Luxemburg, haben sich zusammengeschlossen, um dem Verfall der Eß-Kultur in Deutschland Einhalt zu gebieten. Sie kämpfen mit Qualität und Service für gesunde Ernährung und bewußten Genuß. Aufgenommen werden nur inhabergeführte Delikatessenhändler, die Produkte aus eigener Küche und Herstellung bieten. In Hamburg sind auch Broders Culinarium, Butter Lindner, Kruizenga und Feinkost Schulte Mitglieder der Gemeinschaft. Kühler weiß, wofür er kämpft. Feinkosthandel hat in seiner Familie eine lange Tradition. Sein Großvater gründete 1900 das Geschäft, er selbst ist im elterlichen Laden aufgewachsen. "Ich habe nach der Schule die blauen Zuckertüten abgefüllt, Mehl ebenfalls und den Schnaps zum Abfüllen angesaugt - da hat mein Vater damals wohl nicht weiter drüber nachgedacht", sagt er und schmunzelt. Geschadet hat ihm das zumindest nicht. Im Gegenteil. "Ich wollte nie Lokomotivführer werden", erinnert sich Kühler. Klar, daß er die Tradition der Familie fortführen würde. Dann kam allerdings alles anders als gedacht. Sein Vater starb mit 53, und obwohl der Sohn das Gymnasium abbrach, bei Karstadt, die damals in Münster noch Althoff hießen, in die verkürzte Lehre ging, schaffte die Mutter die Doppelbelastung nicht und gab den Laden auf. "Also startete ich ins Angestelltenverhältnis", erzählt er heute. Bei Karstadt, Hertie und anderswo war er Jahre tätig und lernte vor allem, daß es ihm nicht gefiel. Schließlich machte er sich 1981 in Uetersen mit einem eigenen Delikatessen-Supermarkt selbständig und arbeitete auf eigene Rechnung weiter. "Sechs Jahre später mußte ich mich dort allerdings der übermächtig gewordenen Konkurrenz der Verbrauchermärkte geschlagen geben", so Kühler. Zur Untätigkeit war er indes nicht verdammt. Damals war er bereits für die Vereinigung der Delikatessenhändler tätig und sollte die Gemeinschaft künftig professionell in die Zukunft führen. Dafür benannte Kühler sie erst mal um: "Damals hieß sie IGD, das klang so sinnlich wie IG Metall", sagt er mit dem ihm eigenen trockenen Humor. Von fünf Vorschlägen entschied sich Kühler mit Corpus Culinario für den kompliziertesten von allen. Mittlerweile ist der Name landesweit ein Begriff. Und das Bemühen der Vereinigung trägt längst die ersten Früchte. "Die Stimmung steigt merklich", sagt Kühler. Und die Umsätze auch. Nicht wenige Mitglieder meldeten schon im späten Frühjahr steigende Umsätze, manche sogar im zweistelligen Bereich. "Das sind vor allem diejenigen, die viele Produkte aus eigener Küche anbieten", so der Corpus Culinario-Chef. Auch Catering sei zunehmend gefragt. "So wie Convenience auf dem Vormarsch ist, so machen sich auch immer weniger Menschen die Mühe, edle Schnittchen selbst zu schmieren." Und im Wettbewerb haben die Delikatessenhändler die Nase vorn: "Da weiß der Kunde, welche Produkte verarbeitet werden." Auch deshalb pflegen die Mitglieder von Corpus Culinario insgesamt 77 Hersteller wie Käsereien und Chocolatiers mit einem ganz besonderen Förderabkommen. Einmal im Jahr werden ausgewählte Produzenten zur eigenen Warenbörse eingeladen. Der Kunde profitiert mit Qualität. Die soll auch künftig noch weiter ausgebaut werden. Deshalb wird ab dem kommenden Jahr von Corpus Culinario immer eine Delikatesse des Jahres gekürt. Sie muß aus eigener Küche und eigener Herstellung der Mitglieder kommen, darf nur natürliche Zutaten und keine Geschmacksverstärker oder andere künstliche Zusätze enthalten. Eine Jury aus Genuß-Experten wählt den Gewinner aus, der im Restaurant Allegria gekürt werden soll. Solche und ähnliche Bemühungen tragen auch dazu bei, den Kunden zu erklären, warum eine gute Tafel Schokolade drei Euro kosten muß. Die nicht annähernd den Bekanntheitsgrad von Milka hat. Aber Qualität hat eben ihren Preis. Womit wir wieder bei Kühlers Lieblingsthema wären: Geiz macht krank. Daß er seit Februar kürzlich das erste Mal wieder mit seinem Auto an der Tankstelle war, hat damit übrigens nichts zu tun. Sonder eher mit bewußtem Leben. Kühler fährt aus Überzeugung (und aus Not an Parkplätzen in der Heimhuder Straße) Fahrrad. Drei Kilometer sind es von seiner Wohnung in Eppendorf bis ins Büro. Und weil auch das Fahrradfahren (außer bei starkem Regen) für ihn ein Genuß ist, der sich lohnen muß, nimmt er meist den langen Weg um die Alster herum. Bei allem Engagement der Vereinigung, macht sich Josef Dieter Kühler indes über eines keine Illusionen: "Wir werden den Verfall der Eß-Kultur nicht aufhalten können", sagt er - keineswegs resigniert. Die klassische Familienstruktur sei längst auseinandergebrochen, gemeinsames Essen eine Seltenheit und die "Spontanversorgung", wie Kühler sie nennt, mittlerweile weit verbreitet. Corpus Culinario hält dagegen und macht sich dafür stark, daß die Nische, in der sie kämpfen, irgendwann vielleicht wieder eine Schlucht werden wird. "Da hilft nur Enthusiasmus bei den Händlern", sagt Kühler, der erklärter Optimist ist. Und manchmal eben auch die klaren Worte. Artikel erschienen am Sam, 20. November 2004 |
| Die Gemeinschaft für den guten Geschmack von Deborah Knür |
| Die Gemeinschaft: - Unter dem Motto "Delikatessen & delikat essen" sind bundesweit 69 führende Delikatessen-Kaufleute mit ihren Fachgeschäften vereinigt. Ziel ist es, Voraussetzungen für eine hohe, genußbetonte Lebensqualität zu schaffen und die Einkaufs-, Eß-, und Trinkkultur zu erhalten und zu fördern. Die Mitglieder: Alle müssen inhabergeführte Ladengeschäfte mit Fachgeschäftscharakter sein, ein besonderes Service-Angebot in bestmöglicher Qualität bieten und den Kunden auch Eigenprodukte oder selbst veredelte Produkte offerieren. Die Beratung muß auf hohem Niveau stattfinden. Der Wettbewerb: Ab dem kommenden Jahr kürt Corpus Culinario jährlich eine "Delikatesse des Jahres". Eine Jury wählt den Sieger aus, der in einer Genuß-Gala im Restaurant Allegria gefeiert wird. Artikel erschienen am Sam, 20. November 2004 |